• David Werner

"Factfulness" von Hans Rosling

Aktualisiert: 12. Juli

Was denkst du? Welche dieser Antwortmöglichkeiten ist richtig?

In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung …

A nahezu verdoppelt.

B nicht oder nur unwesentlich verändert.

C deutlich mehr als halbiert.


Die richtige Antwort ist c) – also mehr als halbiert. Bei Umfragen haben in Deutschland nur 6 Prozent die richtige Antwort gewusst. Und auch in anderen Ländern sieht es nicht bedeutend besser aus – denn alle schnitten schlechter ab, als wenn jetzt einfach Schimpansen nach dem Zufallsprinzip entscheiden würden.


Das Problem: Wir haben ein komplett falsches Bild von der Welt. Genauer gesagt haben wir ein überdramatisiertes Weltbild. Woran das liegt und warum unsere Welt tatsächlich viel besser ist als wir denken, schauen wir uns jetzt mit dem Buch „Factfulness“ von Hans Rosling, Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling an.


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Der Instinkt der Kluft

Andere Frage: Wie viele Mädchen absolvieren heute eine fünfjährige Grundschulbildung in den Ländern mit niedrigem Einkommen?

A 20 Prozent

B 40 Prozent

C 60 Prozent


Auch bei dieser Frage schätzen viele die Welt schlechter ein als sie eigentlich ist – denn die richtige Antwort lautet 60 Prozent.


Diese Frage ist ein perfektes Beispiel für unseren ersten Megatrugschluss – und zwar den Instinkt der Kluft. Denn wir Menschen möchten gerne alles in zwei unterschiedliche Gruppen aufteilen, die oft auch in Konflikt miteinander stehen. Und zwischen diesen beiden Gruppen stellen wir uns dann eine Kluft vor.


Unser verzerrtes Weltbild ist hier, dass wir die Welt in zwei Hälften aufteilen – und zwar in die Armen und die Reichen. Also die entwickelten Länder und die Entwicklungsländer. Oder auch: der Westen und der Rest. Oder einfach: wir und sie.


Und tatsächlich: Schaut man sich zum Beispiel die Überlebensrate von Kindern weltweit an, kann man das ganz klar in zwei Hälften aufteilen:

1. Große Familien und eine hohe Kindersterblichkeit

2. Kleine Familien und eine niedrige Kindersterblichkeit

Aufteilung der Welt in zwei "Hälften" im Jahr 1965 | Factfulness

Und weil die Kindersterblichkeit gewissermaßen die Qualität der Gesamtgesellschaft aufzeigt, kann man daraus herleiten, dass es die Entwicklungsländer und die entwickelten Länder gibt, oder?

Naja. Das konnte man vielleicht mal, denn die Grafik ist von 1965. Heutzutage sieht das Ganze komplett anders aus. Denn in den meisten Ländern weltweit gibt es heutzutage hauptsächlich kleinere Familien und auch die Kindersterblichkeit ist nur noch gering.

Aufteilung der Welt in zwei "Hälften" im Jahr 2021| Factfulness


Vier Einkommensniveaus

Die Aufteilung in Arm und Reich ist also längst überholt, denn die meisten Menschen weltweit leben heutzutage im mittleren Bereich, was deutlich wird, wenn man die Bevölkerung in vier Einkommensstufen einteilt:


Vier Einkommensniveaus nach Hans Rosling aus dem Buch "Factfulness"

Stufe 1

Stufe 1 stellt das dar, wie sich die meisten Menschen wahrscheinlich das Leben in armen Ländern vorstellen. Sprich: Ein ständiger Überlebenskampf, wobei es jeden Tag den gleichen Haferschleim zu essen gibt – wenn es denn überhaupt etwas zu essen gibt. Die Menschen laufen barfuß und holen das Wasser aus schlammigen Löcher. Insgesamt hat ein Mensch in Stufe 1 weniger als 2 $ Einkommen pro Tag – kaufkraftbereinigt versteht sich.


Stufe 2

Auf Stufe 2 verdient man bis zu 8 $ pro Tag, sodass man sich auch Lebensmittel leisten kann, die man nicht selbst anbaut. Man kann sich außerdem ein Fahrrad, Sandalen und einen Gasherd leisten.


Stufe 3

Auf Stufe 3 kann man sich bei Einnahmen von bis zu 32 $ pro Tag einen Brunnen oder Kaltwasseranschluss leisten. Es gibt eine stabile Stromversorgung, einen Kühlschrank und vielleicht sogar ein Motorrad. Und man kann sich mal einen Urlaub leisten.


Stufe 4

Auf Stufe 4 verdient man mehr als 32 $ pro Tag und kann es sich leisten zu fliegen, auswärts essen zu gehen und natürlich hat man auch Kalt- und Warmwasser.



Während vor 200 Jahren noch mehr als 80 % der Menschen in Stufe 1 und damit in extremer Armut gelebt haben, verteilt sich heutzutage die Mehrheit der Menschen in der Mitte – also in Stufe 2 und 3. Es gibt also keine Kluft (mehr).


Im Jahr 1800 lebten noch über 80 % der Weltbevölkerung in extremer Armut

Quelle: gapminder.org


Heutzutage lebt nur noch ein Bruchteil der Weltbevölkerung in extremer Armut - stattdessen sind die meisten im mittleren Einkommensbereich zu finden

Quelle: gapminder.org


Vergleich von Durchschnittswerten

Ein Problem ist, dass wir oft Durchschnitte vergleichen. Dabei vergessen wir aber die Überschneidungen zu betrachten, sodass scheinbar eine Kluft entsteht, obwohl gar keine da ist.


Betrachtung von Extremwerten

Das passiert auch, wenn wir Extreme betrachten. So wird in den Medien beispielsweise gerne das Leben einer extrem armen Person mit einer extrem reichen Person vergleichen, um die soziale Ungerechtigkeit zu zeigen. Das verzerrt aber das Gesamtbild. Denn die meisten Menschen in diesen Ländern leben weder auf der einen, noch auf der anderen Seite. Stattdessen sind die meisten in der Mitte anzutreffen.


Es sind nicht alle gleich arm!

Dadurch, dass wir auf Stufe 4 leben, können wir uns das Leben der Menschen auf den Stufen 1 bis 3 gar nicht richtig vorstellen. Wir denken dann einfach, dass alle gleich arm sind. Es ist, wie wenn man aus einem Flugzeug auf die Häuser unter sich schaut. Denn da kann man auch keine wirklichen Größenunterschiede erkennen. Für den einzelnen Menschen macht es aber sehr wohl einen Unterschied, ob er auf Stufe 1 oder 2 lebt.



Instinkt der Negativität

Ein weiterer Megatrugschluss ist der Instinkt der Negativität. Sprich: Wir nehmen eher das Schlechte aufmerksam wahr als das Gute. Die Probleme sind dabei unzutreffende Erinnerungen an die Vergangenheit, eine selektive Berichterstattung und das Gefühl, dass man ja nicht von Verbesserung sprechen kann, solange es immer noch schlimme Dinge auf der Welt gibt.


Bei Umfragen in 30 Ländern wurden Menschen beispielsweise gefragt, ob sie denken, dass die Welt besser wird, schlimmer wird oder so bleibt wie sie ist. Das Ergebnis: In allen Ländern glaubt die Mehrheit, dass die Welt schlimmer wird.


Was denkt ihr: Wie hoch ist die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt heute weltweit?

A 50 Jahre

B 60 Jahre

C 70 Jahre


Tatsächlich sind es 70 Jahre – also c). Bzw. waren es 2017 sogar schon 72 Jahre. Antwort b) – also 60 Jahre – wäre übrigens 1973 richtig gewesen. Und was ich persönlich sehr erstaunlich finde, ist, dass mittlerweile in keinem Land weltweit die durchschnittliche Lebenserwartung unter 50 Jahren liegt.


Durchschnittliche Lebenserwartung weltweit

Quelle: gapminder.org


Aber natürlich gibt es immer noch viel Leid auf der Welt. Die Lösung liegt darin, zu erkennen, dass die Dinge auch gleichzeitig schlecht und besser sein können. Außerdem sollte man mit schlechten Nachrichten rechnen und sich bewusst machen, dass jeden Tag auch sehr viele positive Dinge passieren, über die nicht berichtet wird. So würde bspw. keiner darüber berichten, dass jetzt wieder mal ein Flugzeug erfolgreich gelandet ist. Und mehr Nachrichten bedeuten nicht automatisch mehr Leid.

 

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Instinkt der geraden Linie

Der dritte und letzte Megatrugschluss ist der Instinkt der geraden Linie. Was meint ihr?


Heute leben 2 Milliarden Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren auf der Welt. Wie viele Kinder werden es laut Angaben der Vereinten Nationen im Jahr 2100 sein?

A 4 Milliarden

B 3 Milliarden

C 2 Milliarden


Bevor ich euch die Antwort gebe, direkt noch eine andere Frage:


Nach einer Prognose der UN wird die Weltbevölkerung bis 2100 um weitere 4 Milliarden Menschen gewachsen sein. Was ist die Hauptursache dafür?

A Es wird mehr Kinder geben (jünger als 15 Jahre).

B Es wird mehr Erwachsene geben (zwischen 15 und 74 Jahren).

C Es wird mehr sehr alte Menschen geben (75 Jahre und älter).


Richtig ist bei der ersten Frage Antwort c). Die Anzahl der Kinder soll also laut den Prognosen der Vereinten Nationen nicht wachsen, sondern auf dem gleichen Niveau von 2 Mrd. bleiben. Dass die Linie abflacht, können sich die meisten aber gar nicht vorstellen und wählen deshalb eine der anderen Möglichkeiten.

Wenn wir das im Hinterkopf behalten, können die 4 Mrd. Menschen bei der zweiten Frage schon mal nicht dadurch entstehen, dass es mehr Kinder gibt. Richtig ist hier Antwort b) – es wird also mehr Erwachsene geben. Aber wie soll das gehen? Mehr Menschen bei gleichbleibender Kinderzahl?


Tatsächlich hat die durchschnittliche Anzahl von Kindern pro Frau in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Von 1965 bis 2017 hat sich diese Zahl global von 5 auf 2,5 Geburten pro Frau halbiert.


Durchschnittliche Anzahl von Kindern pro Frau weltweit (1965)

Quelle: gapminder.org


Durchschnittliche Anzahl von Kindern pro Frau weltweit (2021)

Quelle: gapminder.org


Der Grund: Da immer weniger Menschen in extremer Armut leben und die Kindersterblichkeit immer weiter gesunken ist, brauchen die Familien nicht mehr so viele Kinder, um sie bspw. als Arbeitskräfte einzusetzen oder um sich gegen die Kindersterblichkeit abzusichern. Dazu kommen dann noch Faktoren wie bessere Bildung, sexuelle Aufklärung und Verhütungsmittel, sodass sich dieser Trend in der Zukunft voraussichtlich weiter fortsetzen wird.

Die 4 Mrd. Menschen können also schon nicht mal durch mehr Kinder zustande kommen und auch eine höhere Lebenserwartung ist nicht unbedingt der Grund. Stattdessen kommt das Bevölkerungswachstum dadurch zustande, dass die Kinder heranwachsen und das Ganze auffüllen. Während 2015 knapp 1 Mrd. Menschen zwischen 30 und 45 Jahre alt waren, werden es 2030 doppelt so viele sein, weil die damals 15 bis 30-jährigen in diese Kategorie nachrücken werden.

Wachstum der Weltbevölkerung bis 2075 | "Factfulness" von Hans Rosling

Was sich daraus zeigt: Die Weltbevölkerung wächst nicht einfach so und Geraden sind weniger verbreitet als wir denken. In manchen Fällen passt das zwar ganz gut – bspw. wenn man das Einkommen und die Lebenserwartung betrachtet. Hier kann man schon eine Gerade finden. Andere Trends verlaufen aber gar nicht linear, sondern zum Beispiel exponentiell oder s-förmig.



Faustregeln für Factfulness

Neben diesen drei Megatrugschlüssen – also dem Instinkt der Kluft, dem Instinkt der Negativität und dem Instinkt der geraden Linie – beschreiben die Autoren in ihrem Buch noch weitere 7 Instinkte. Diese hier im Detail zu erklären würde den Rahmen sprengen, aber ich möchte euch kurz die Faustregeln für Factfulness – also faktenbasiertes Denken - zusammenfassen:

Faustregeln für Factfulness | Hans Rosling
Faustregeln für Factfulness | Hans Rosling

Fazit

Wie ihr seht: Die Welt ist gar nicht so schlecht wie man sie sich immer vorstellt. Natürlich passieren jeden Tag schlimme Dinge und nicht alles ist perfekt. Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich viel verbessert und auch das darf man mal wahrnehmen.


Wenn ihr wissen wollt, wie falsch ihr selbst die Welt seht, würde ich euch auf jeden Fall empfehlen, auf der Website von gapminder.org vorbeizuschauen. Dort gibt es zum Beispiel die ganzen Daten aufbereitet in interaktiven Grafiken und es gibt ein Quiz mit Fragen zu den Zielen der Vereinten Nationen.

Auch sehr interessant finde ich das Projekt Dollar Street. Dabei sieht man, wie Menschen weltweit leben und kann sich durch die verschiedenen Fotos, Videos und Geschichten selbst ein Bild davon machen, ob es auf der Welt vielleicht doch nicht ganz so schlecht ist.


Wenn euch der Blogeintrag gefallen hat, abonniert gerne den Newsletter, um nichts mehr zu verpassen. In diesem Sinne: Vielen Dank für Lesen und bis zum nächsten Mal!


Beste Grüße

David

 

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