MJ DeMarco: Unscripted - Teil 1: Das Skript

Laut MJ DeMarco gibt es Sklaverei heutzutage immer noch. Und sie liegt direkt vor uns mit dem klassischen 9 to 5. Was genau meint er damit?
David Werner
Inhaltsverzeichnis

Seit 1865 ist Sklaverei in den USA verfassungswidrig. Trotzdem existiert sie auch heute noch - und zwar in Form eines Skriptes. Das ist ein Gesellschaftsvertrag, bei dem ein goldener Käfig gegen freiwillige Verschuldung und lebenslanges Schuften getauscht wird. Das klassiche 9 to 5 also.

Das sage nicht ich, sondern MJ DeMarco in seinem Buch "Unscripted: Life, Liberty, and the Pursuit of Entrepreneurship*".

In diesem Blogeintrag möchten wir uns zuerst einmal anschauen, wie dieses Skript denn aussieht. Im nächsten Beitrag geht es dann darum, wie man dem Ganzen entfliehen kann, um ein selbst bestimmtes Leben zu führen - aber dazu müssen wir zuerst das Skript verstehen.

Am Anfang noch ein kurzer Hinweis, damit es zu keinen Verwirrungen kommt: MJ DeMarcos Buch bezieht sich auf die USA, sodass man nicht unbedingt alles 1 zu 1 auf Europa und den deutschsprachigen Raum anwenden kann.

Das Skript

Das Skript gibt es natürlich nicht wirklich als physisches Produkt. Trotzdem existiert es - und zwar vor allem in unserem Kopf, wo es wie ein Betriebssystem unsere Handlungen und unser Denken bestimmt. Wir sind also ständig auf Autopilot geschalten: Von Montag bis Freitag arbeiten, am Wochenende ist frei - und das wiederholt man (bis auf ein paar Urlaubswochen im Jahr) bis zur Rente. Das Skript stellt also ein durchschnittliches Leben dar. Und es sieht folgendermaßen aus:

Das Skript aus MJ DeMarcos Buch "Unscripted"

Saat

Ganz oben haben wir die, die den Samen sähen - also die, die das Skript schreiben und durchsetzen.

1. Freunde und Familie

Oft fängt alles mit unserer Familie und mit Freunden an. Da heißt es dann zum Beispiel: "Das kannst du nicht" oder "Das kann gar nicht funktionieren". Dann fängt man vielleicht auch noch den Eltern zuliebe an, irgendetwas zu arbeiten oder studieren, obwohl es einen gar nicht erfüllt – nur um die gesellschaftlichen Vorgaben zu erfüllen. Das führt uns auch schon direkt zum nächsten Punkt: Bildung.

2. Bildung

Wobei Bildung eigentlich das falsche Wort ist. Indoktrination trifft es hier laut MJ DeMarco besser – denn kritisches Denken werde systematisch ausgerottet, Fehler nicht zugelassen und die Menschen einer Gehirnwäsche unterzogen, indem ihnen falsche Erwartungen mitgegeben werden wie bspw. dass man sich im Leben nicht anstrengen muss.

3. Unternehmen

Während uns die Schule also lehrt gute Angestellte zu werden, zeigen uns Unternehmen auch direkt warum: Denn wir sollen uns all die Waren kaufen, die uns dann angeblich glücklich machen. Die Werbung verspricht also: Glück, Erfolg und Erfüllung kommen durch Konsum.

4. Finanzen

Das bringt uns auch schon direkt zum nächsten Punkt: Finanzen. Hier vertrauen wir oft Menschen, die selbst gar keine Erfahrung haben oder uns zeigen wollen, wie man reich wird, obwohl sie eigentlich selbst gar nichts vorzuweisen haben. Hier gibt es laut MJ DeMarco generell drei Märkte, die man weder beeinflussen noch vorhersehen kann:

  • Jobmarkt
  • Börse
  • Häusermarkt

5. Regierung

Der Staat ist laut DeMarco das Mutterschiff der Skript-Doktrin. Beispielsweise indem den Menschen eingetrichtert wird, dass ein Studium aufs Leben gerechnet so und soviel mehr Geld bringt.

Wobei man hier bedenken muss, dass sich MJ DeMarco auf die USA bezieht und viele Studierende da Kredite aufnehmen müssen, um die hohen Studiengebühren decken zu können. Deshalb muss man dieses Beispiel meiner Meinung nach in Europa auch anders bewerten.

6. Medien

Laut MJ DeMarco leben wir in einer Unfähigkeitsgesellschaft, die von einer Oligarchie u.a. durch Propaganda beherrscht wir. Und er zitiert hier einen der bekanntesten Kritiker der US-amerikanischen Politik, nämlich Noam Chomsky, der sinngemäß gesagt hat:  

Ein schlauer Weg, um die Menschen passiv und gehorsam zu halten, ist es, das Spektrum der akzeptierten Meinungen zu begrenzen, aber in diesem Spektrum lebhafte Debatten zuzulassen.

Hier das Originalzitat:

"The smart way to keep people passive and obedient is to strictly limit the spectrum of acceptable opinion, but allow very lively debate within that spectrum." Noam Chomsky

Quelle: DeMarco, 2017, S.35.

Hyperrealitäten

Der nächste Punkt auf unserer Pyramide sind Hyperrealitäten. Also sprich, dass Fiktion und Realität sich miteinander vermischen und wir gar nicht mehr genau wissen, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Hier gibt es insgesamt 9 Hyperrealitäten, die DeMarco vorstellt:

1. Benannte Tage

Damit ist einfach gemeint, dass wir unsere Woche nach Tagen benennen und dann den verschiedenen Tagen bestimmte Eigenschaften zuordnen.

So ist Montag bis Freitag für Arbeit vorgesehen, dann hat man zwei Tage frei und alles geht wieder von vorne los.

Die Illusion ist also, dass wir denken, unsere wertvolle und begrenzte Zeit systematisch nach Tagen einteilen zu müssen und uns diese dann vorgeben, ob jetzt Arbeit oder Freizeit ansteht.

2. Konsumismus

Konsumismus ist die Illusion, dass Konsum zu Erfolg oder Zufriedenheit führt. Dieser Materialismus hält die Wirtschaftsmaschine am Laufen und beeinflusst unsere Wahrnehmung: Jemandem mit einem Lamborghini würde man wahrscheinlich eher Reichtum zuordnen als jemandem mit einem Fiat Cinquecento.

3. Studium

Dieser Teil besteht unter anderem aus der Illusion, dass finanzieller Wohlstand und Intelligenz voraussetzen, ein Studium abgeschlossen zu haben.

Hochschulen und Unis sorgen aber nicht für Bildung, sondern für „SCRIPTED idiots“ (DeMarco, 2017, S. 41).

Und ein Abschluss ist noch lange keine Garantie dafür, dass man dann auch tatsächlich einen Job findet. Wobei das natürlich nicht heißt, dass man direkt sein Studium schmeißen sollte – vor allem, weil bestimmte Berufsgruppen wie Ärzte ja auch ein Studium voraussetzen. Sondern was MJ DeMarco damit ausdrücken möchte: Wenn man etwas hat, das andere Menschen haben wollen, ist es eigentlich ziemlich egal, ob man einen Abschluss hat oder nicht.

4. Hyper-Personality

Das ist das Bild, das jemand von sich öffentlich – beispielsweise auf Social-Media – vermittelt, auch wenn es nicht mit der realen Persönlichkeit übereinstimmt. Das Problem dabei ist vor allem, wenn die Fake-Persönlichkeit wichtiger wird als die reale Persönlichkeit.

Social-Media trägt also einen wesentlichen Teil zur Hyper-Personality bei, vor allem auch dadurch, dass nur die Highlights geteilt werden. Dadurch entsteht dann schnell die Illusion, dass das Leben dieser Menschen perfekt ist und man da mit seinem Leben scheinbar gar nicht mithalten kann. Was man hier also bedenken sollte, ist, dass die Menschen nur zeigen, wie sie gerne sein würden und nicht, wie sie tatsächlich sind.

5. Virtuelle Realität

Hier schaffen wir uns eine alternative Realität - vor allem durch Spiele wie Minecraft, Clash of Clans, Fort Nite, Among Us und Co., die natürlich Unmengen an Zeit und teilweise auch Geld verschlingen. Das gefährliche dabei: Auch wenn man es geschafft hat, bei Clash of Clans sein Rathaus auf Level 10, 12 oder 100 zu bringen - das Ganze ist nur virtuell und man versucht ja eigentlich nur, der realen Welt für eine kurze Zeit zu entkommen.

MJ DeMarcos Vorschlag: Das Leben zu seinem persönlichen Spiel machen, bei dem man selbst der Avatar ist. Man steuert sich also selbst und sammelt bspw. Erfahrungspunkte – nur nicht in einem Spiel, sondern im echten Leben.

6. Entertainment

Dazu zählen Fußballspiele, Fernsehen, Netflix und Co.. Das gefährliche dabei ist, wenn diese Formate zu einem Teil unserer Identität werden oder unsere Sicht auf die Realität ändern, sodass man teilweise auch sehr emotional aufgeladen ist (wie bspw. bei Fußballspielen).

Man sollte hier also sehr selektiv vorgehen und sich fragen, was einem das Anschauen von diesen Formaten tatsächlich bringt. Und im Normalfall wird man feststellen, dass es eigentlich nur Zeitverschwendung ist, irgendwelche Reality-Sendungen anzuschauen, die eigentlich Fake sind.

7. Geld

Hier sagt MJ DeMarco, dass Geld nur deshalb wertvoll ist, weil sich die Gesellschaft darauf geeinigt hat. Es somit auch nur eine Illusion, denn es könnte genauso gut sein, dass man für sein Geld morgen nichts mehr bekommt.

8. Freiheit

Auch Freiheit sei laut MJ DeMarco nur eine Illusion, die sich dadurch in den Köpfen der Menschen eingebrannt hat, weil sie oft genug wiederholt wurde.

Laut dem Autor sind wir Sklaven in Freilandhaltung. Jeder einzelne sei ein Unternehmen, das dem Staat gehöre. Alles, was wir besitzen, gehört auch dem Staat – so der Autor.

Er argumentiert damit, dass man beispielsweise ein Visum braucht, wenn man das Land verlassen will oder man nur auf bestimmte Zeit bleiben darf. Ein weiteres Beispiel sind Grundstücke, denn dadurch dass man bspw. Grundsteuer zahlen muss, gehört einem das Stück Land nicht wirklich - hört man auf zu zahlen, verliert man das Grundstück im Zweifelsfall wieder. Souveränität sei also eine Illusion.  

Wobei man hier meiner Meinung nach auch wieder bedenken muss, dass sich das Buch auf die USA bezieht und wir hier in Europa mit dem Schengenraum andere Bewegungsfreiheiten haben.

9. Unternehmen

Hier ist die Illusion, dass viele Menschen immer sagen: Unternehmen XY ist böse. Hinter einem Unternehmen stecken aber immer Menschen, die diese Entscheidungen treffen. Es sind also immer Menschen, die böse Absichten haben oder gierig sind – nicht ein Unternehmen.

Zeitprostitution

Damit kommen wir auch schon zum nächsten Punkt auf unserer Pyramide: Zeitprostitution. Damit ist gemeint, dass wir unsere Zeit gegen Geld tauschen. Also die Einheit ist ja auch: Betrag x / Stunde. Dem liegt die falsche Annahme zugrunde, dass Zeit unbegrenzt verfügbar ist, wohingegen Geld begrenzt ist. Dabei ist es ja genau andersherum – wir bezahlen also mit unserer Lebenszeit.

Wir müssen dabei auch immer unterscheiden zwischen Zeit, die einem selbst gehört und Zeit, die jemandem anderen gehört (wie bspw. die Arbeitszeit).

Es geht also darum, wie wir unsere Zeit wertschätzen und ob wir gute Zeit heute verkaufen, damit wir morgen dann schlechte Zeit kaufen können.

Lebenswege

Jetzt haben wir noch die Wahl zwischen zwei Lebenswegen. Und egal welchen man wählt, beide führen ins Schlachthaus – so MJ DeMarco:

1. Sidewalk

Der Plan eines Sidewalkers ist es , keinen Plan zu haben. Alles, was eingenommen wird, wird direkt wieder ausgegeben, denn man möchte ja jetzt leben – notfalls auf Kredit.

2. Slowlane

Slowlaner sind genau das Gegenteil von Sidewalkern, denn Slowlaner haben einen Plan. Meist lautet der: Heute für morgen investieren. Also Kosten reduzieren, damit man möglichst viel in EFTs stecken kann.

Wenn ihr mehr zu der Einteilung wissen wollt, findet ihr auch noch eine genauere Definition in MJ DeMarcos Vorgängerbuch „The Millionaire Fastlane“.

Ablenkungen

Eine wichtige Sache fehlt uns jetzt noch – und das sind Ablenkungen durch Entertainment.  Seien es Filme, das Casino oder die Lotterie. Alles sorgt dafür, dass wir in unserer Komfortzone bleiben und ein durchschnittliches Leben auf Autopilot leben. Man spricht also nicht über seine Ziele und Träume, sondern darüber, wie Bayern München letzte Woche gespielt hat.

M.O.D.E.L Citizenry  

Das führt in der Summe zu einer M.O.D.E.L Citizenry.

M.O.D.E.L steht dabei für:

  • M: mediocre (mittelmäßig)
  • O: obedient (gehorsam)
  • D: depentent (abhängig)
  • E: entertained (unterhalten)
  • L: lifeless (leblos)

Der letzte Punkt (lifeless) bedeutet dabei, dass man zwar am Leben ist, aber doch innerlich tot ist, weil man keine Träume und Ziele hat.  

Ausblick

Jetzt stellt sich natürlich die spannende Frage, wie man dem Ganzen entkommen kann. Genau das gibt es im zweiten Teil zu MJ De Marcos Buch "Unscripted".

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